Dokumentation »Zugangs-Labor: Access Rider im Austausch« am 30.03.2026

1. April 2026

Das erste digitale Netzwerk-Treffen 2026 hat am 30. März zum Thema »Zugangs-Labor: Access Rider im Austausch« stattgefunden. Eingeladen war ein künstlerischer Beitrag der Performancekünstlerin Jeanne Eschert zu deren »Bettfalten Lesungen«. Anschließend gab die bildende Künstlerin Angela Stiegler einen gemeinsam mit Katrin Bittl vorbereiteten Input zu Access Ridern. Zu beiden Beiträgen findet ihr hier unter den hochgeladenen Dokumenten zusätzliches Material.

Am Ende der Veranstaltung gab es zwei Räume, in denen wir uns miteinander ausgetauscht haben. Weiter unten findest du zu jedem Raum ein kurzes Protokoll.

Außerdem findest du zwei Listen. Eine Liste beschäftigt sich mit der Frage: Was können Organisator*innen, Kurator*innen oder Veranstalter*innen machen, um Barrieren abzubauen und Zugänge zu schaffen? Die andere Liste sammelt Tipps aus der Crip-Community zum Thema Access Rider.

Beide Listen sind unvollständig und können laufend ergänzt werden. Die Listen sind aus den Austauschräumen entstanden und wurden von der Kuration geordnet und aufbereitet. Wenn dir ein Punkt einfällt, der fehlt, schreib uns gern eine E-Mail (bis zum Ende des Jahres 2026) an: kuration@inklusives-netzwerk-kultur.de. Deine Gedanken ergänzen wir gern!

 

Buch von Jeanne Eschert: Bettfalten Lesungen

»Dies ist ein Begleiter zum Lesen deiner  Bettfalten, um die Art und Weise zu erweitern, das Bett zu erleben und seine Bedürfnisse zu verstehen. Du wirst an die Hand genommen durch bereits durchgeführte Lesungen, um zu sehen, was in den Betten zu ihnen gesprochen hat und was ihnen dort begegnet ist. Die Möglichkeiten dessen, was du in den Falten lesen kannst, sind unendlich – ebenso wie die Kontexte, in denen du sie liest: ob mit mir, mit deinen engsten Menschen oder allein.«

Text, Bilder: Jeanne Eschert, Personen aus den Bettfalten Lesungen
Gestaltung: Kadi Windhorst | studiokwi.de
Künstlerische Produktion: Nora Schneider
Beratung: Eva Königshofen

»Bettfalten Lesungen« ist ein Projekt von Jeanne Eschert. Gefördert im Rahmen von Next Steps, einem Programm des Bureau Ritter zur Stärkung von Tanzschaffenden in Hessen. Gefördert durch die Crespo Foundation.

 

Material von Angela Stiegler und Katrin Bittl zum Thema Access Rider

Hier findest du das Handout zum Vortrag von Angela Stiegler und Katrin Bittl:

Handout zum Workshop_Bittl_Stiegler

Außerdem gibt es einige Beispiel-Access Rider von Künstler*innen:

Access-Rider_Camille_Auer

Access-Rider_Carolyn_Lazard

Und hier gibt es eine Vorlage des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste für von Institutionen erstellte Access Rider:

BFDK_Formular_Access Rider_Vorlage

 

Protokoll Crip-Only-Raum

Im Crip-Only-Raum haben sich Menschen ausgetauscht, die eine Behinderung haben, chronisch krank, Taub und/oder neurodivergent sind. Dieser Raum war nicht offen für nicht-behinderte Perspektiven.

Wir haben uns darüber ausgetauscht, wie die eingeladene Performancekünstlerin Jeanne Eschert dazu gekommen ist, ihre Bettfalten Lesungen zu entwickeln. Jeanne hat von ihrer Kunst erzählt.

Danach haben wir uns über Access Rider ausgetauscht und unsere Erfahrungen, Wünsche und Ideen miteinander geteilt. 

Wir haben u.a. besprochen:

Wer den Access Rider lesen darf, entscheidet immer die Person, zu der der Access Rider gehört. 

Barrierefreiheit ist dynamisch. Access Rider sind keine Checklisten, sondern lebendige Dokumente, die sich verändern und erweitern können. 

Die Verantwortung zum Abbau von Barrieren und zur Umsetzung von Bedarfen liegt auf beiden Seiten: der Seite von der arbeitnehmenden und der arbeitgebenden Person. Hier ist es auch erforderlich, Machtverhältnisse und bestehende Strukturen zu hinterfragen.

Ein Access Rider kann helfen, auch über spezifische Diskriminierungsformen hinweg, miteinander einzuchecken, ins Gespräch zu kommen und damit auch bei der Teamentwicklung zu helfen. Alle können miteinander teilen, was sie (voneinander) brauchen, um gut arbeiten zu können.

 

Protokoll Austauschraum für alle

Zum Austausch-Raum für alle hatten alle Teilnehmenden Zugang, unabhängig von der Positionierung. 

Wir haben u.a. besprochen:

Wie reagiere ich auf einen Access Rider? Und wie wird der Einhalt der (vereinbarten und besprochenen) Zugangsbedarfe gewährleistet?

Wer darf überhaupt einen Access Rider haben? Was an so einem Dokument könnte hilfreich für jede Zusammenarbeit sein? 

Welche Förderstrukturen gibt es, um Zugangsbedarfe zu ermöglichen? 

In den Bildenden Künsten sind Access Rider noch nicht so verankert, in den Darstellenden Künsten gibt es aber schon viel Erfahrung damit.

Im Access Rider kann festgeschrieben sein, wer diesen erhalten darf, wie anonym der Access Rider behandelt wird, und ob und in welcher Form ein Gespräch dazu stattfinden soll. 

Wenn nicht-behinderte Personen ein Dokument wie einen Access Rider erstellen wollen, sollte dieses anders genannt werden. Grund dafür ist, dass der Access Rider ein Tool ist, um in Räumen, die strukturell bislang keine behinderte Perspektive mitgedacht haben, zu existieren. 

Am meisten helfen die Gespräche über Zugangsbedarfe. (Die auf die mögliche Einreichung eines Access Riders folgen können.) 

Bin ich in Gefahr diskriminiert zu werden, wenn ich von vornherein meine Zugangsbedarfe klar benenne und ich dann möglicherweise den Job nicht bekomme? Oder ist das Klären meiner Bedarfe nicht sowieso notwendig, da ich ohne den Zugang den Job nicht machen kann. Der Access Rider kann ein selbstbestimmtes Werkzeug dafür sein. 

Gute Erfahrung mit vertraglichem Festhalten. Anbei können wir die Klausel teilen, die wir im Verein INK erarbeitet haben. Es gab im Austauschraum noch weitere Erfahrungswerte mit solchen Klauseln, vielleicht kann uns hier Vernetzung helfen.

 

Entwurf Vertragsklausel § Barrierefreiheit und Access-Rider

Dieser Entwurf ist nicht juristisch geprüft. INK e.V. nutzt ihn momentan in dieser Form für Honorarverträge.

  1. Die auftraggebende Person verpflichtet sich, im Rahmen der Bewerbung oder innerhalb des Projekts zur Verfügung gestellte oder aktualisierte Access-Rider oder auf anderem Wege mitgeteilte Zugangsbedarfe der auftragnehmenden Person innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt zu lesen und die Umsetzung der Zugangsbedarfe zu prüfen.
  2. Sofern diese nicht oder nicht vollständig umgesetzt werden können, nimmt die auftraggebende Person unverzüglich Kontakt mit der auftragnehmenden Person auf, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Sollte sich daraus ergeben, dass die Erfüllung der vereinbarten Leistung nicht oder nicht vollständig möglich ist, gilt § [Entschädigung bei Veranstaltungs- oder Leistungsausfall].
  3. Nimmt die auftraggebende Person innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt des Access-Riders keinen Kontakt mit der auftragnehmenden Person auf, gilt dieser als bestätigt und wird somit Bestandteil dieses Vertrags.
  4. Falls ein bestätigter Access-Rider im Rahmen des Projekts nicht oder nicht vollständig von der auftraggebenden Person umgesetzt wird, so greift die Anti-Diskriminierungs-Klausel. Kann der Vertrag aus diesem Grund zudem nicht oder nur teilweise von der auftragnehmenden Person erfüllt werden, so besteht ein Anspruch auf Vergütung für die bis dahin erbrachten Leistungen, mindestens aber 50 % der vereinbarten Vergütung.

 

Was können Organisator*innen, Kurator*innen, Veranstalter*innen tun, um Barrieren abzubauen und Zugänge zu schaffen?

  • Verantwortung übernehmen
  • aktiv nach einem Access Rider bzw. Zugangsbedarfen fragen, z.B. auch mit einer Liste oder einem Fragebogen möglich. Manchmal fällt es schwer, die eigenen Zugangsbedarfe zu benennen, zu formulieren und diese an Personen zu kommunizieren. Da kann ein Fragebogen helfen. Außerdem ist es nicht immer möglich, alle Bedarfe vorher zu kennen für den kontextbezogenen Job. Auch dabei kann ein Fragebogen mit gezielten oder hinweisenden Fragen unterstützen. 
  • Raum für Gespräche über Zugangsbedarfe anbieten, diese können auch mit einem begrenzten Zeitrahmen angeboten werden. Wichtig dabei ist: Zuhören!
  • Ehrlich und offen über Möglichkeiten kommunizieren und auch offenlegen, wenn etwas nicht möglich gemacht werden kann. 
  • Manchmal haben Künstler*innen noch keine Access Rider oder möchten nicht mit diesem Tool arbeiten. Dann geht es darum, andere Lösungen zu finden, um Barrieren abzubauen. Ein Gespräch über Zugangsbedarfe, auch ohne Access Rider, könnte hier helfen.  
  • Den Access Rider nicht als Check-Liste verstehen, sondern als Dokument, das sich immer wieder erweitern und verändern kann.  Im Verlauf der Zusammenarbeit erneut mit der Person über ihre Bedarfe einchecken. 
  • Bewusstsein dafür, dass jede Person andere Zugangsbedarfe hat, auch wenn sich Bedarfe verschiedener Künstler*innen überschneiden können. 
  • Eine Access Rider-Klausel im Vertrag anbieten.
  • Sich darüber bewusst sein, dass ein Nachteilsausgleich oft unzureichend ist und ableistische Strukturen reproduzieren kann. 

 

Tipps aus der Crip-Community zum Thema Access Rider

  • ein Access Rider kann sich immer wieder ändern und anpassen. Für unterschiedliche Jobs habe ich möglicherweise verschiedene Bedarfe und passe meinen Access Rider dementsprechend an.  
  • Ein Access Rider ist keine Check-Liste. 
  • Die Form deines ganz persönlichen Access Riders ist individuell und darf “unperfekt” sein. Es muss nicht alles super strukturiert und ausformuliert sein.
    Wichtig ist, dass dein Access Rider zu dir passt und dich in Gesprächen unterstützen kann. 
  • Dinge im Access Rider zu teilen, kann sehr intim sein und Mut erfordern. 
  • Du musst keine Diagnosen teilen. Teile das, was du teilen möchtest. 
  • Im Access Rider können Bedarfe zu baulichen Barrieren stehen. Im Access Rider können genauso Bedarfe zur sozialen Kommunikation stehen. (Stichwort Neuronormativität)
  • Am Anfang deines Access Riders kann z.B. die Bitte stehen, dass der Access Rider nicht mit weiteren Personen (oder nur mit deiner Zustimmung) geteilt wird. Du entscheidest selbst, mit welchen Personen der Access Rider geteilt werden soll.
  • Wenn du im Team arbeitest und nicht mit allen Personen deinen Access Rider teilen möchtest, kannst du nach einem Gespräch über deine Zugangsbedarfe mit einer Person aus dem Team auch ein Access-Handout erstellen:

Ein Access-Handout ist eine stark verkürzte Form eines Access Riders. Es werden nur einzelne Hinweise geteilt, die für alle wichtig sind zu wissen. Die festgehaltenen Punkte sind nicht mehr verhandelbar, weil sie zuvor mit der zuständigen Stelle aus dem Team im Gespräch besprochen wurden. Es ist eher eine Unterstützung für alle im Team, damit Menschen wissen, was sie tun können, damit du gut mit ihnen zusammenarbeiten kannst.