Dokumentation »Disabled Leadership« am 07.09.2026
11. Oktober 2026
Das dritte Netzwerk-Treffen 2026 hat am 07.09 zum Thema »Disabled Leadership« stattgefunden. Eingeladen war ein Beitrag der Künstler*innen Anajara Laisa Amarante und Zwoisy Mears-Clarke. Am Ende der Veranstaltung gab es drei Räume für den Austausch. Hier findest du nun zusätzliches Material zu dem Beitrag sowie Gesprächsprotokolle der Austauschräume.
Die Protokolle wurden von der Kuration aufbereitet.
Wenn du etwas ergänzen möchtest, schreib uns gern eine E-Mail (bis zum Ende des Jahres 2026) an: kuration@inklusives-netzwerk-kultur.de.
Deine Gedanken ergänzen wir gern!
Beitrag von Anajara Laisa Amarante und Zwoisy Mears-Clarke
Der Beitrag beschäftigte sich mit dem Konzept des Disabled Leadership – ein Verständnis von Führung, das von den Erfahrungen behinderter Menschen ausgeht.
Führung und Leitungspositionen werden häufig mit Unabhängigkeit, Kontrolle oder individueller Leistungsfähigkeit verbunden. Ausgehend von der Frage, wie gerechte und zugänglichere Strukturen entstehen können, zeigt sich ein anderes Verständnis: Führung bedeutet nicht, alles allein leisten zu müssen. Vielmehr geht es darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gemeinsam handeln, Verantwortung teilen und unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen können.
Die Künstler*innen Anajara Laisa Amarante und Zwoisy Mears-Clarke haben dazu eingeladen, gemeinsam zu erkunden: Wie sieht Führung aus, wenn Unabhängigkeit nicht der Maßstab ist? Wie können Projekte so gestaltet werden, dass unterschiedliche Bedürfnisse und Zugangsweisen nicht als Hindernis, sondern als Grundlage gemeinsamer Zusammenarbeit verstanden werden?
Gemeinsam haben wir danach gefragt, warum gerade die Erfahrungen von Menschen, die am stärksten von Barrieren betroffen sind, unverzichtbar sind. Das Wissen aus eigenen Erfahrungen ist eine wichtige Grundlage, um künstlerische Prozesse, Organisationen und Netzwerke inklusiver zu gestalten.
Die Künstler*innen Anajara Laisa Amarante und Zwoisy Mears-Clare haben einen Fragenkatalog entwickelt. Sie laden dazu ein, die eigenen Vorstellungen von Führung, Zusammenarbeit und Zugänglichkeit zu hinterfragen und das eigene Handeln weiter- oder umzudenken.
Es geht dabei nicht darum, auf jede Frage eine eindeutige Antwort zu finden. Vielmehr können die Fragen Ausgangspunkt für eine persönliche Reflexion sein: Wo stehe ich? Welche Strukturen prägen meine Arbeit? Was übersehe ich möglicherweise? Und was könnte ich konkret verändern?
Fragenkatalog
Du kannst einzelne Fragen nutzen, die dich beschäftigen, irritieren oder neugierig machen. Vielleicht führen sie zu neuen Fragen, Gesprächen oder Veränderungen in deiner eigenen Praxis.
- Welche Aspekte verbinden wir mit einer „guten Führungskraft“ – und welche davon sind ableistisch und/oder kolonial geprägt, also durch intersektionale Macht- und Ausschlussstrukturen beeinflusst?
- Was fürchtest du zu verlieren, wenn Leadership nicht auf individueller Stärke, sondern auf gegenseitiger Abhängigkeit basiert?
- Wie unterscheidest du zwischen „offen für alle sein“ und tatsächlich eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Körpern und Lebensrealitäten gerne arbeiten möchten?
- Warum warten wir oft darauf, dass Behinderung oder Access ausdrücklich benannt wird, bevor wir eine Kultur des Barriereabbaus und der gegenseitigen Unterstützung schaffen?
- Was hindert dich daran, die Perspektiven und Praktiken der Behindertenkultur in Räume zu tragen, die du gestaltest oder denen du begegnest – gerade in Räume, von denen du bisher angenommen hast, dass diese Praktiken und Perspektiven dort nicht gebraucht werden?
- Mit welchen behinderten Kunstschaffenden würdest du gerne zusammenarbeiten?
- Was müsstest du an deiner Haltung, deiner Arbeitsweise und deiner Organisations- oder Kollektivkultur verändern, damit du zu einer*m Zusammenarbeitspartner*in wirst, mit der*m diese Kunstschaffenden tatsächlich gerne arbeiten möchten? (Organisationskultur zeigt sich nicht nur bei den großen Entscheidungen, sondern in jedem Detail gemeinsamen Arbeitens.)
- Wie stellst du sicher, dass deine Auseinandersetzung mit Diskriminierung nicht bei der Erkenntnis „Ich könnte Teil des Problems sein“ endet, sondern zu konkreten Veränderungen in deiner Praxis führt?
- Was sind deine liebsten Praktiken, um behinderten Menschen Anerkennung und Credits für ihr Wissen, ihre Ideen und ihre Praktiken zu geben – sei es in der Kunst oder darüber hinaus?
- Welche Verantwortung übernimmst du dafür, dass Ableismus, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und andere Formen von Diskriminierung nicht nur durch einzelne Handlungen entstehen, sondern durch Kulturen, Systeme und alltägliche Entscheidungen reproduziert werden?
- Welche Aspekte der Behindertenkultur liebst du – welche Werte, Praktiken oder Formen des Miteinanders möchtest du in jeden Raum mitnehmen, den du betrittst?
- Welche Kunstwerke, Performances, künstlerischen Forschungen oder ästhetischen Entwicklungen aus der Behindertenkultur oder aus intersektionalen Kunstpraxen hast du erleben dürfen, die dich nachhaltig beeindruckt oder verändert haben?
- Was möchtest du aus diesen Erfahrungen in deine eigene künstlerische, kuratorische oder organisatorische Praxis mitnehmen?
Zu den Künstler*innen
Anajara Laisa Amarante ist eine brasilianische Crip- und LGBTQ+-Künstler*in, die in Berlin lebt und an der Intersektion von Disability Justice, dissidenten Körpern und Kunst arbeitet. Ihr primäres Medium ist der bewegende Körper, wobei ihre künstlerische Praxis in den darstellenden Künsten – insbesondere der Choreografie – verwurzelt ist und sich auf die bildende Kunst, Kuration, Pädagogik und öffentliche Reden erstreckt.
Als chronisch kranke, schwerbehinderte, queere Brasilianer*in, die in Europa lebt, beschäftigt sich Anajara in ihrer Arbeit mit Fragen der Identität, Migration, Postkolonialität und Zugehörigkeit. Ihre beruflichen Interessen sind zutiefst persönlich und politisch und konzentrieren sich auf queere und dissidente Körper, marginalisierte Communities sowie künstlerische Praktiken, die Inklusion, Vielfalt und kollektive Freude fördern.
Aufgrund einer früheren Ausbildung in Biologie und Kommunikationswissenschaften sowie Erfahrungen als Pädagog*in interessiert sich Anajara zudem für Natur, Umweltbildung, barrierefreie Pädagogik sowie für Menschen und Communities, die sich für den Schutz der Natur und Lebensweisen einsetzen.
Zwoisy Mears-Clarke versteht sich als Choreograf*in der Begegnungen. Das trifft Zwoisys Ansatz als freiberufliche*r Choreograf*in und auch als Community Organizer (wörtlich übersetzt: ‚Gemeinschaftsorganisator*in‘).
Als Choreograf*in nutzt Zwoisy das Potenzial des Tanzes, der Audiobeschreibung, der Poesie und des Geschichtenerzählens, um Formen der Unterdrückung sichtbar zu machen und um Begegnungen zu ermöglichen, die unter anderen Umständen unmöglich wären. Das Unkonventionelle oder Nicht-Normative ist immer willkommen.
Ein Beispiel dafür ist die Tanzform „nicht-visueller Tanz“, die Zwoisy zusammen seit 2014 mit nicht-professionellen und professionellen behinderten Tänzer*innen entwickelt hat, bei der der Tastsinn im Gegensatz zum Sehsinn der wichtigste Wahrnehmungssinn ist.
Zwoisys Choreographien wurden in Frankreich, Deutschland, und den Niederlanden u.a. präsentiert.
Als Community Organizer schafft Zwoisy Räume, in denen marginalisierte Menschen zusammenkommen können, um Kunst zu entwickeln, deren Ästhetik aus den Kulturen, sozialen Perspektiven und Wahrnehmungsweisen der Beteiligten hervorgeht.
Protokolle aus den Austauschräumen
Im Anschluss an den Vortrag haben wir uns in zwei Break-Out-Sessions zum gemeinsamen Austausch getroffen. Einer der beiden Räume war ein Crip-Only-Space und damit nicht für nicht-behinderte Perspektiven geöffnet. Der zweite Raum war offen für alle.
Im Folgenden findet sich ein kurzer Einblick in die Themen und Fragen, die in den beiden Räumen aufgekommen sind.
Raum 1 – Crip Only
Im Raum 1 wurde sich bereits mit dem Fragekatalog auseinandergesetzt. Unter anderem wurden folgende Fragen und Aspekte diskutiert:
Was bedeutet „gute Führungskraft“ für uns?
- Raum geben und lassen
- Als Führungsperson Verantwortung übernehmen
- Nicht kontrollieren, sondern Vertrauen in die Menschen und ihr jeweiliges Wissen haben
- Menschen einen Vertrauensvorschuss geben und ihnen zutrauen, dass sie ihre Aufgaben gut bewältigen können
- Neue Strukturen schaffen und flexibel mit ihnen umgehen können
- Consent abfragen: „Was brauchst du?“
- Macht teilen und abgeben
- Macht zwischen hörenden und tauben Menschen abgeben und teilen
- Empathisch sein
- Als Führungskraft ein Gefühl dafür entwickeln, professionelle Sprache sprechen und vermitteln zu können
Welche Aspekte der Behindertenkultur liebst du?
- Starke Nicht-Normalisierung
- Neugierde
- Der Wunsch, dass alle DGS können
Raum 2 – Offen für alle
Auch in diesem Raum wurde sich darüber ausgetauscht, was gute Führung überhaupt bedeutet. Dabei wurde insbesondere auf den Zwiespalt aufmerksam gemacht, als behinderte Führungsperson Verantwortung dafür zu tragen, die Access-Bedarfe anderer Menschen zu ermöglichen. Häufig treffen unterschiedliche oder sogar konträre Bedarfe aufeinander. Hier braucht es individuelle und flexible Anpassungen. Daraus entstand die Frage: Welche Strategien können wir dafür entwickeln?
Menschen aus verschiedenen institutionellen Kontexten teilten außerdem ihre Beobachtungen zu bemerkbaren Veränderungen in Förderstrukturen. Disability-led Projekte haben zunehmend Schwierigkeiten, Förderung zu erhalten – dabei sind kontinuierliche und verlässliche Förderungen besonders wichtig.
Es wurde die Beobachtung geteilt, dass sich die Entwicklung eher in Richtung vermeintlicher „Hilfsstrukturen“ bewegt, anstatt Empowerment und behindert-geführte Projekte zu stärken. In diesem Zusammenhang wurde davor gewarnt, behinderte Menschen zu „Förderobjekten“ zu machen.
Betont wurde außerdem die Bedeutung einer intersektionalen Perspektive: Wenn Förderungen wegfallen und Zugänge weiter erschwert werden, sind insbesondere Crips of Color, queere Crips und politisierte Crips davon betroffen.
Zum Abschluss wurde die Bedeutung von Netzwerken hervorgehoben. In diesem Zusammenhang wurde die Frage aufgeworfen, wie die Netzwerktreffen von INK auch stärker zur Mobilisierung beitragen können. Ideen und Wünsche für Netzwerktreffen könnt ihr gerne per Email an info@inklusives-netzwerk-kultur.de senden.